Leben mit der Bombe

Für mich ist der Krieg nicht zu Ende

Bombenfund in Oranienburg – im Verkehrsfunk ist das längst Routine. Kaum eine Stadt im Berliner Umland wurde im letzten Krieg so intensiv bombadiert.
Hauptziele waren die Heinkel-Flugzeugwerke und die Auer-Werke. Letztere betrieben Grundlagenforschung für eine Atombombe der Nazis. Die Zerstörung der Betriebe gelang damals fast vollständig, doch manche Bombe behielt ihre todbringende Ladung — oftmals bis heute.
„Ursache für die vielen Blindgänger ist der weiche Sandboden. Eine Bombe dringt immer bis auf die erste tragende Kiesschicht vor. Die liegt in Oranienburg mehrere Meter tief. Dort wird das Geschoss aufgrund der ogivalen Spitze abgelenkt. Die Bombe macht damit eine „J“-Bewegung. Darum liegen die meisten hier mit der Spitze nach oben. Der Zünder ist im Heck der Bombe eingebaut“, erklärt Heino Borchert das Phänomen. Er ist seit 1992 mit dabei, wenn es gilt, die Kriegs-Hinterlassenschaften unschädlich zu machen. „Jede Bombe mit einem chemischen Langzeitzünder, die nicht rechtzeitig gefunden wird, wird mit hundertprozentiger Sicherheit irgendwann losgehen. Dafür sorgt der fortschreitende Alterungs- und Zerfallsprozess des Halteringes, der den vorgespannten Schlagbolzen des Zünders blockiert.“ Mehrere Dutzend Mal war er ganz vorne mit dabei, wenn es galt, Blindgänger unschädlich zu machen. „Für mich ist der Krieg auch nach 60 Jahren nicht zu Ende!”
Wird der Umgang mit den Sprengkörpern zur Routine? „Keine Bombe ist wie die andere. Jeder Einsatz ist lebensgefährlich. Natürlich wissen wir, wie der entsprechende Sprengkörper vom Prinzip her beschaffen ist.
Allerdings kann man von außen nicht feststellen, wie das Innenleben aussieht. Einfach durchleuchten, das geht leider nicht!“
Erschwerend kommt dazu, dass die lange im Boden verborgenen Sprengkörper oftmals mit fest verkrusteter Erde zusammengebacken sind. „Diese manchmal betonharte Substanz muss erschütterungsfrei entfernt werden. Das kann Stunden dauern.“ Stunden, in denen jede hundertstel Sekunde tödlich sein kann. Wie fühlt man sich da, wie bereitet man sich auf einen derartigen Einsatz vor?
„Meine Frau und ich versuchen einen möglichst harmonischen Abend miteinander zu verbringen. Wir essen in Ruhe, sehen im Fernsehen irgendwas beruhigendes an. Ich versuche früh zu schlafen, um möglichst ausgeruht zum Einsatz zu erscheinen. Bei der Entschärfung selbst versuche ich die Gefahr zu verdrängen, an etwas Schönes zu denken, wie etwa unsere letzte Bergwanderung in Bayern.“
Danach wird gefeiert: „Dann gehen wir schön essen, oftmals in ein chinesisches Restaurant und trinken eine schöne Flasche Wein!”
Und zu Hause, schwirrt da die Bombe ständig im Kopf herum? „Wenn ich meinen Arbeitsplatz verlasse, beginnt ein neues Leben. Ich bin Video-Filmer und koche gerne, dafür ist dann Zeit!“ Wie beurteilt der frühere Halbleiter-Fachmann eine Technik, die nach hartem Aufprall und sechzig Jahren in der Erde noch wie am ersten Tag funktioniert? „Die Präzisionsarbeit ist faszinierend. Schließlich geht es um feinste Mechanik, die unter großem Zeitdruck in den Rüstungswerken meistens von Frauen zusammengebaut wurde. Dass Menschen sich derart Mühe geben, um andere Menschen töten zu können, das finde ich teuflisch. Durch meine Tätigkeit bin ich zum Pazifisten geworden!“
Und was passiert, wenn der Zünder ausgebaut werden konnte? „Dann wird die Bombe samt ihrer Ladung per Tieflader zum Sprengplatz nach Kummersdorf bei Zossen verfrachtet und dort meist mit Kleinmunition in einem Erdloch in zwei Meter Tiefe gezielt zur Zündung gebracht.“
Der Kampfmittelbeseitigungsdienst, dem Heino Borchert angehört, ist organisatorisch als „Zentraldienst“ der Polizei und damit Innenminister Jörg Schönbohm angegliedert. Trotz der nervenaufreibenden und gefährlichen Tätigkeit gibt es für die Spezialisten keine besonderen Privilegien oder spezielle Belohnungen für ihren Einsatz.

Beim Wandern in der Bergen schöpft Heino Borchert neue Kraft.

Geschafft! Eine amerikanische Fliegerbombe ist entschärft.