Tourismusverein hat Schnappsideen

Annes Teddy ist spitz und hart!

Es soll ja selbst in fortgeschrittenem Alter manche Menschen geben, die ohne ihren Teddybär nicht einschlafen können. In Oranienburg trifft dies in einer etwas anderen Form auf die Touristen-Chefin zu. Allerdings ist der „Teddybär“ von Anne Bernstorff alles andere als kuschlig. Hart und spitz liegt er da – und wartet, oftmals bis tief in die Nacht: „Ohne meinen kleinen Stift und einen Notizettel gehe ich nirgendwo hin“, erklärt die agile Geschäftsführerin vom Tourismusverein Oranienburg und Umland. Der Grund: „Viele gute Ideen fallen mir im Bett ein. Wenn ich meine Gedankenblitze nicht sofort aufschreibe, dann kann ich aus Angst, sie wieder zu vergessen, nicht mehr schlafen!“ Eine ihrer „Schnapsideen“ ist gerade ein Jahr alt und entwickelte sich sofort zum Hit: Die Rede ist vom Kartoffelschnaps als neuem Souvenir der Stadt. „Bei Messen musste ich immer wieder erleben, dass die Stände am meisten umringt sind, wo es neben Informationen zusätzlich etwas zum Kosten und Kaufen gibt. Also dachte ich: Es muss für uns was Neues her. Aber was gibt es in Oranienburg typisches? Na klar, unsere Louise Henriette, und die führte die Kartoffel ein. Da war die Idee geboren!“ Eifrig machte sich das Team der Touristen-Information ans Recherchieren und fand schließlich kurz vor der mecklenburgisch-vorpommerschen Landeshauptstadt Schwerin einen Agrarbetrieb heraus, der seine Lizenz zum Schnapsbrennen aus der DDR-Zeit hinübergerettet hatte. Anne Bernstorff setzte sich ins Auto und brauste los. „Es gab verschiedende Proben. Aber ich wollte ja mit dem Auto wieder zurück. Da musste ich sehr gezielt vorgehen! Ich entschied mich für drei Geschmacksrichtungen: Nun gibt es Kartoffelschnaps, Kartoffelkräuterlikör und die &Mac226;Feige Knolle’ als weitere Besonderheit.“ War der Schnaps gefunden, so ging es an die Verpackung. Denn das Schlossfest stand vor der Tür, und dort sollte die neueste Errungenschaft ja präsentiert werden. So gelang, was nur einer Anne Bernstorff mit ihren fleißigen Mitarbeiterinnen gelingen kann: „In zwei Wochen hatten wir zusammen mit dem Kreismuseum das passende Motiv für das Etikett gefunden und drucken lassen.“ Präsentiert werden die Souvernirs in einem pfiffigen Sperrholzkasten. Der lässt sich nach Genuss der hochprozentigen Köstlichkeit binnen Sekunden in einen Starkasten verwandeln – auf das möglichst viele dieser Vögel dann einen attraktiven Nistplatz finden. Ideen muss man haben! Ideen entwickelt der Tourismusverein nun seit stolzen fünf Jahren. Am 3. Juli 1997 waren 29 Interessierte, darunter die Stadt Oranienburg, Gastronomen, Privatvermieter und Geschäftsleute einer Initiative zur Bündelung der Tourismus-Aktivitäten beigetreten. Mittlerweile sind darin 170 Mitglieder registriert. Nur einmal wechselte der Vorsitz, von Manfred Fechtner, dem einfach die Zeit davonrannte, zu Siegfried Mattner. Erster Arbeitsplatz von Anne Bernstorff war der Katzentisch in einem örtlichen Hotel. Mit dem Kiosk vor dem Schloss als improvisierte Touristen-Information konnte man schon vergleichsweise komfortabel arbeiten, selbst wenn darin gerade zwei Personen Platz fanden. Das vor zwei Jahren bezogene Domizil in der Bernauer Straße 52 bietet nun genug Räumlichkeiten, um selbst Besuchergruppen zu empfangen. Von Anfang an setzte der Verein darauf, Stadt und Umland zu verbinden. Ein Konzept, das immer mehr Früchte trägt. Das beweist das hohe Interesse, das Anne Bernstorff mit ihrer neuesten Idee, den Tagesausflügen zu interessanten Punkten der Region, gefunden hat: „Wir zeigen die Dinge, die nicht jeder kennt“, berichtet sie. Damit wirkt der Tourismusverein als Reiseveranstalter. Das bedeutet zusätzliche rechtliche, steuerliche und bürokratische Hürden zu überwinden. Da ist es hilfreich, dass eine Steuerberaterin im Vorstand mitwirkt.

ZUR PERSON
Anne Bernstorff hatte ihren Traumberuf bereits im „ersten Leben“ gefunden. Die Naturliebhaberin war Produktionsleiterin im Gartenbau Borgsdorf, der zu DDR-Zeiten für seine Nelkenzucht international bekannt war. Nach Abwicklung des Betriebs geriet sie in eine AB-Maßnahme, wurde bald mit der Leitung einer Gruppe betraut und absolvierte schließlich erfolgreich eine Tourismusschule. Quirlig, unbürokratisch, gutaufgelegt und immer auf etwas Neues bedacht, versucht sie mit begrenzten Mitteln „Qualität für unsere Besucher anzubieten“. Die Familie wird dabei mit eingespannt: So wurde Sohn Jens Bernstorff, 23, als ausgewiesener Computer-Freak kurzerhand von der Mama verpflichtet, die Internet-Seite des Vereins zu erstellen: „Für ihn war‘s eine gute Übung, uns hat es Geld erspart. Die Seite wird gut angenommen. 300 Interessierte schauen sich im Durchschnitt unsere Präsentation an,“, strahlt sie. Eine Leidenschaft hat sie übrigens mit dem Oranienburger Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke gemeinsam: „Zum Essen liebe ich ein gutes Bier. Das beste Bier ist das tschechische, kommen doch meine Vorfahren daher“, schmunzelt die gebürtige Annabergerin. Während der Bürgermeister eher eine zarte frischgefangene Dorade bevorzugt, steht Anne Bernstorff allerdings auf deftiges Szegediner Gulasch mit böhmischen Knödeln.