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Olympia und seine Folgen
Stand Juni 2013
Wer hat schon Lust, Strecken von 20
Kilometer oder gar 50 Kilometer zu
Fuß zurück zu legen? Ein Werderaner
ist auf derartige Entfernungen so
erpicht, dass er mit dieser Vorliebe
sogar den Weg zu Olympia nach
London fand.

Christopher Linke ist Verfechters einer
ungemein traditionsreichen Sportart, die
vor ziemlich genau 430 Jahre genau dort
ihren Anfang fand, wo 2012 die
Olympischen Spiele waren, nämlich in
London.
Dennoch leidet der 24-jährige
Spitzensportler aus der Baumblütenstadt
unter vielen Spötteleien seiner
Zeitgenossen: „Wenn ich gefragt werde,
was ich mache und ich antworte
Leichtathletik, dann haben alle großen
Respekt, weil sie das mit Marathon,
Laufen, Kugelstoßen und Ähnlichem
verbinden. Wenn ich dann sage, dass ich
Geher bin, kann ich mir sicher sein, dass
geschmunzelt oder schallend gelacht
wird“, gibt Christopher Linke seine
Erfahrungen mit der Mitwelt weiter.    
Gar nicht komisch!
„Das Problem ist, dass beim Gehen
vorgeschrieben ist, immer mit den Füßen
Bodenkontakt zu haben. Zudem muss ein
Fuß gestreckt sein. Das führt dann zu
einer markanten Hüftbewegung und sieht
für Außenstehende kurios aus! Dabei ist
Gehen ein Ausdauersport, der extrem
anstrengend ist und einem alles an Kraft
und Willen abfordert. Das ist gar nicht
komisch!“  
Sport-Familie
Christopher Linke stammt aus einer
sportbegeisterten Familie. Vater Olaf
Linke ist vielen in Werder als
Mitbegründer und langjähriger Trainer
des Handballvereins „Grün-Weiß-
Werder“ bekannt. Sohn Christopher Linke
ließ sich ebenfalls vom Handballfieber
anstecken. Mit sieben Jahren trainierte
und spielte er regelmäßig. Dann nahm er
am „Baumblütenlauf“ teil. „Ich gewann
auf Anhieb, konnte es selbst kaum fassen.
Ich merkte, dass mir Laufen einen
Riesenspaß macht“, blickt er auf diese
Initialzündung für eine neue Sportart
zurück.  
Schnell in der Schule
„In der Grundschule war ich immer der
beste Läufer.
Meine Sportlehrerin schickte mich
deshalb zu einem speziellen Lauftraining
nach Potsdam.“ Dort erkannte man
schnell das Talent. 2001 wechselte Linke
als Elfjähriger an die Sportschule in
Potsdam. „Der große Reiz bei Leicht
athletik ist, dass man ganz auf sich
gestellt ist. Geht bei einem
Mannschaftssport wie Handball etwas
schief, kann man den Fehler bei den
anderen suchen. Beim Laufen geht es nur
darum, was ich mache!“, so Christopher
Linke.
Lust aufs Gehen
Die große Veränderung brachten
ausgerechnet die Olympischen Spiele
2004. „Bei uns zuhause liefen im
Fernsehen die Leichtathletik-
Übertragungen. Gerade war Gehen dran.
Ich hatte das noch nie so gesehen, weil
wir das bisher immer ausgeschaltet hatten,
da es keinen interessierte. Als ich das nun
so im Fernsehen erlebte, bekam ich Lust,
es ebenfalls auszuprobieren.“
Zum eigenen Erstaunen stellten sich
umgehend große Erfolge ein: „Ich konnte
mich unglaublich schnell ganz
extrem verbessern. Deshalb stieg ich 2005
vom Laufen aufs Gehen um. Das ist eine
Ausdauersportart, die einem alles
abverlangt. Man muss sich
oft regelrecht dazu zwingen, sich immer
weiter zu quälen, bis zum Ziel. Ein
normaler Mensch läuft mit etwa drei
Stundenkilometer. Wir Geher sind 15
Stundenkilometer schnell. Man kann sich
vorstellen, wie anstrengend es ist, die 20
Kilometer in einem Zeitraum von
anderthalb Stunden so schnell zurück zu
legen. Wenn ich in Werder übungshalber
unterwegs bin, kommt es oft vor, dass ich
als Geher Radfahrer überhole.“ Man kann
sich vorstellen, wieviel mal schwieriger
die 50 Kilometer Strecke als zweite
olympische Geher-Disziplin ist.  
Fans aus Werder
2012 schaffte es der Werderaner bereits
an die internationale Spitze: „Ich war
beim Weltcup Sechster und habe damals
alle die geschlagen, die dann bei Olympia
an mir vorbeigezogen sind“, schildert
Christopher Linke seine persönliche
Tragik.
Er hatte sich gegen einen Doppelstart und
für die lange 50 Kilometer Strecke
entschieden. Nach 3:49:19 Stunden kam
er völlig erschöpft als 24. ans Ziel.
Sieger war der 32-jährige Russe Sergej
Kirdjapkin mit 3:35:59 Stunden
geworden, der vier Jahre zuvor in Peking
hatte aufgegeben müssen. Dennoch denkt
Christopher Linke immer noch
gerne an Olympia in London zurück: „Es
war eine tolle Atmosphäre. Aus Werder
waren 35 Sportbegeisterte mitgereist, die
mich anfeuerten, das war grandios!“
Nur zwei Wochen ohne Schmerzen
Die Ursachen für das enttäuschende
Abschneiden des Werderaners lagen in
Knieproblemen, die nach dem Weltcup
2011 aufgetreten waren: „Ich wurde
monatelang falsch behandelt. Die Ärzte
fanden die Ursache nicht heraus.
Schließlich ergab sich, dass nur der
Beuger angeschlagen war. Dadurch kam
es, dass ich erst zwei Wochen vor
Olympia dauerhaft schmerzfrei war. Den
Trainingsrückstand konnte ich natürlich
nie mehr aufholen.“
Christopher Linke ist amtierender
Deutscher Meister über 20 Kilometer und
hat sich das Ziel gesetzt, bei Olympia in
Rio „es allen zu zeigen“. Dann ist er erst
28 Jahre, in seiner Disziplin ein gutes
Alter.
Lehre oder Sport?
Für diese Erfolge muss Werders
Spitzensportler viele Opfer bringen. „Ich
hatte eine Lehre als Speditionskaufmann
begonnen und musste sie wegen dem
Sport wieder abbrechen. Das Problem
sind die Trainingslager, die oft im
Ausland stattfinden. Ich bin im Jahr an die
hundert Tage nicht hier. Mein Arbeitgeber
hat mir dafür zwar freigegeben, die
Berufsschule hatte allerdings weniger
Verständnis. Nun versuche ich die
Abschlussprüfung nach der WM in
Moskau im August nachzuholen“, gibt
Linke einen kleinen Einblick in
die Schwierigkeiten, die Spitzensportler
mit dem „normalen“ Leben haben
können.
Partner-Probleme
Privates gestaltet sich ebenfalls
kompliziert: „Kaum ein Mädchen ist auf
Dauer bereit, diese langen
Auslandsaufenthalte zu akzeptieren. Da
kommt schnell Eifersucht auf, selbst wenn
diese völlig unbegründet ist. Aber wer
kann sich vorstellen, dass wir da an
schönen Orten sind, aber nur hartes
Training machen und kaum aus den entsprechenden Anlagen hinaus kommen?“ Und so ist Christopher Linke seit kurzem wieder „zu haben“. Ein weiteres Problem ist, Sponsoren zu finden: „Leider konzentriert sich in Deutschland das Interesse vor allem auf Fußball. Mein Glück ist, dass ich bei der Bundeswehr als Sportsoldat sein kann.“
Der Einsatz für den Sport, mit dessen Erfolgen sich die Nation so gerne schmückt, ist für die Stars also durchaus riskant: „Es geht natürlich immer darum, was nach der Karriere passiert, damit man seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Die Firmenchefs wissen zwar, dass Sportler leistungsbereit und zuverlässig sind, doch in dem Alter, in dem man dann ist, fehlt einem natürlich die entsprechende Branchen- und Praxiserfahrung.“
Leichtgewicht
Ein Problem hingegen hat Christopher Linke nicht, nämlich sich mit Diäten abquälen zu müsse. „Ich esse am liebsten Nudeln in allen Variationen. Wenn ich nicht im Training bin, habe ich allerdings weniger Hunger. Ansonsten muss ich viel essen, um die Kraft für meine Leistung zu haben.“
Linke, sportlich ein Schwergewicht, ist mit nur 65 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,90 Meter federleicht. Da könnte er schon fast über die Bahn schweben – leider ist das für Geher streng verboten!
Neben Christopher Linke hatte Werder noch einen weiteren Sportler bei Olympia: André Lehmann war als Schwimmer bei den Paralympics und machte mit gerade mal 17 Jahren als jüngster deutscher Teilnehmer von sich reden. Natürlich will er ebenso wie Geher Christopher Linke das nächste Mal ebenfalls starten!
Infos:
Tel. 01 70/5 53 79 37
www.christopher-linke.com
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