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Richter außerhalb des Gesetzes
Stand April 2013
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Das Gesetz ist für alle gleich, aber für
manche gleicher, so lästert der
Volksmund gerne. In Zeuthen gibt es
einen „Richter“, der sich ganz legal
„außerhalb“ des Gesetzes stellt.

Dietmar König strahlt mit seiner
imposanten Erscheinung und dem
umgedrehten Kaiser-Wilhelm-Bart
Autorität und preußische Korrektheit aus.
Er ist seit mittlerweile fast vier Jahren als
„Schiedsperson“ dafür zuständig,
Streitigkeiten im vorgerichtlichen Raum zu
schlichten. „Die Einrichtung eines
Schiedsgerichts gab es ja schon im alten
Preußen. In Brandenburg wurde es dann
wieder eingeführt“, liest Dietmar König
aus der Historie. „Damit soll vermieden
werden, dass die Gerichte überlastet
werden.“  
Einigung im Vordergrund
Die meisten Fälle, die bei Zeuthens
ehrenamtlichem Schlichter auf den Tisch
kommen, sind achbarschaftsstreitigkeiten.
Da ist neben Korrektheit und
Einfühlungsvermögen Ideenreichtum
gefragt. Besonders reizvoll findet Dietmar
König, dass er in seiner Arbeit mehr
Freiheiten hat, als ein Gericht. Zwar kann
König nicht wie ein König entscheiden,
aber in seinen Sitzungen gibt es durchaus
Spielraum, der sonst nicht da ist:
„Beispielsweise ist für die Hecke zwischen
den Grundstücken eine bestimmte
maximale Höhe vorgeschrieben. Ein
Gericht muss das in seinem Urteil
berücksichtigen, es hat gar keine andere
Wahl. Uns als Schiedsleute hat der
Gesetzgeber dagegen die Möglichkeit
gegeben, einen Vergleich zu erzielen, der
anders aussehen kann als es das Gesetz
vorsieht“, so Dietmar König.    
Hessischer Preuße
Der 70-Jährige ist übrigens ein
ausgesprochener Jung-Preuße, der sich seit
gerade mal zehn Jahren wieder die raue
Luft des Nordens um die Nase wehen lässt.
Den Hauptteil seines Lebens haben der
frühere Berliner und seine Frau Barbara
König im tiefen Westen verbracht. Der
gelernte Architekt arbeitete erst in einem
Planungsbüro in der als besonders fein und
teuer bekannten hessischen Hauptstadt
Wiesbaden, bevor er in der zwischen
Frankfurt am Main und Wiesbaden
gelegenen Taunusstadt Hofheim als
Stadtbaumeister wirkte. Doch mit der
Pensionierung zog es das kinderlose Paar
in die „alte Heimat“. Auf der Zeuthen
gegenüber liegenden Halbinsel
„Miersdorfer Werder“ fand das Paar das
Wassergrundstück, von dem sie in Hessen
immer geträumt hatten.    
Auf Anhieb genommen
„Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass
Zeuthen einen Schlichter sucht und bewarb
mich. Nach einem Vorstellungsgespräch
bekam ich den Zuschlag, wahrscheinlich
hatten sie keinen anderen.“
Jedenfalls ist der Ex-Hesse mit dem
Kaiser-Wilhelm-Bart durchaus
prädestiniert für diese Aufgabe: „Als
Stadtbaumeister hatte ich ja schon viel mit
Nachbarschaftsproblemen zu tun und kann
mich daher gut einfinden.“
Die Sitzungen finden im Rathaus von
Zeuthen statt. Um vom Miersdorfer Werder
dahin zu kommen, ist das auf dem
Landweg schon fast eine kleine Reise. „Mit
dem Boot wären es nur zwei Minuten, aber
wie sieht das denn aus, wenn der
Schiedsmann auf dem Seeweg anreist?“    
Preußische Tugenden  
Zeuthens Schiedsmann taucht gerne in
alteZeiten ein. Er schätzt sichtlich Möbel
und Bilder aus der Zeit seiner Vorfahren.
Was er gar nicht leiden kann, ist der
Schlendrian heutiger Zeit: „Wenn ich zu
einem Termin lade, erwarte ich, dass man
kommt, und zwar pünktlich. Sehr ärgerlich
finde ich die modern gewordene
Geheimniskrämerei um die
Telefonnummer. Kommt es zu einer
kurzfristigen Terminverschiebung, kann
man oft nicht mal anrufen, weil die
Rufnummern nicht genannt werden.“ Ein
weiteres Problem bewegt ihn ebenfalls:
„Ich würde mir wünschen, dass
Schiedsgerichte wieder wie früher
Ordnungsgelder verhängen dürfen, wenn
jemand unentschuldigt nicht zum Termin
erscheint! Ich hatte einen Fall, da ist der
Antragsteller aus Remscheid angereist,
vergeblich, weil der Gegner einfach nicht
kam.“
Dietmar König kann auf eine Erfolgsrate
von an die 80 Prozent verweisen. Kommt
es zu keiner Einigung, gibt es eine
„Erfolglosigkeitsbescheinigung“, der dann
ermöglicht, das Problem an ein reguläres
Gericht zu tragen. Als größten Erfolg sieht
er an, wenn Nachbarn wieder miteinander
reden und zu „normalem
zwischenmenschlichen Umgang gebracht
werden können. Alles andere ist doch nur
furchtbar!“
Infos: Tel. 03 37 62/82 11 81